Freitag, 15. Januar 2016

Schätzungen

Wir führen hier neu ab 2016 auch Interviews mit prominenten Wissenschaftlern über neueste Erkenntnisse aus Forschung und Fiktion. Heute mit Professor Dr. Ulrich Saxer, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Publizistik an der Uni Zürich. Das Gespräch führe ich.

Ich: Herr Professor Saxer, sie sind bekannt geworden als Kritiker der sogenannten Wahlbarometer, das sind Voraussagen von Wahlresultaten. Nun hat sich doch aber gezeigt, dass die Wahlbarometer recht exakt das konkrete Abstimmungsverhalten voraussagen. Können sie ihre Kritik ganz kurz zusammenfassen?

Prof. Saxer: Gerne. Wir haben eine grosse Studie gemacht. Und zwar mit 2 Gruppen. Die eine Gruppe haben wir mit dem Wahlbarometer, also mit ihrem eigenen voraussichtlichen Wahlverhalten konfrontiert, die andere nicht. Dann haben wir beide Gruppen abstimmen lassen. Und siehe da, die Gruppe, die das Wahlbarometer gekannt hat, war viel näher an den Voraussagen wie die andere Gruppe. Voraussagen beeinflussen also das Wahlverhalten.

Ich: Ihre Forderung war dann, Wahlbarometer auf die Liste der von der UNO als undemokratisch geltenden Methoden zu setzen.

Prof. Saxer: Es wird höchste Zeit, aber leider immer noch ignoriert, obwohl wir das Phänomen von der Beeinflussung durch Medien natürlich schon lange kennen. Man muss in der Presse über einen Präsidenten nur sagen: Er wird immer unbeliebter. Natürlich wird er dann unbeliebter. Alles schön abgedeckt durch Umfragen und Studien, die dann den Anschein von Wissenschaftlichkeit und Objektivität vermitteln. Dazu kommt, dass die meisten zitierten Umfragen reine Lügen sind.

Ich: Nun haben sie gleichsam als Illustration für ein ähnliches menschliches Verhalten in die Ökonomie beschrieben und die Theorie abgeleitet: Schätzungen sind unökonomisch!

Prof. Saxer: Ein Beispiel das wir alle kennen: Das Schätzen von Arbeitszeiten bei Projektarbeiten. Ich behaupte nun folgendes, durch Schätzungen wird die Arbeitszeit immer negativ beeinflusst. Sieht man, dass eine Schätzung zuviel Zeit vorsieht, dann zögert man die Arbeit hinaus, wenn die Zeit knapp wird, kommt man in Stress und arbeitet schlechter. Schätzungen sind unökonomisch für den Gesamtoutput. Schätzungen beeinflussen das menschliche Verhalten ähnlich wie die Wahlbarometer: Der Mensch möchte die Voraussagen nicht enttäuschen.

Ich: Die Schlussfrage: Wieso sind dann Schätzungen so wichtig für das Projektmanagement?

Prof. Saxer: Es zeigt, dass das ökonomische Verhalten, das unserer Wirtschaft zugrunde liegen soll, reine Ideologie ist.

Schreibbüro Toni Saller: b-schreiben.ch, Ethnologe, Schreibarbeiter, Ideenbüro und frühpensionierter Informatiker, bschreiben@gmail.com, bschreiben.wordpress.com

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