Wir
führen hier neu ab 2016 auch Interviews mit prominenten
Wissenschaftlern über neueste Erkenntnisse aus Forschung und
Fiktion. Heute mit Professor Dr. Ulrich Saxer, ehemaliger Inhaber des
Lehrstuhls für Publizistik an der Uni Zürich. Das Gespräch führe
ich.
Ich:
Herr Professor Saxer, sie sind bekannt geworden als Kritiker der
sogenannten Wahlbarometer, das sind Voraussagen von Wahlresultaten.
Nun hat sich doch aber gezeigt, dass die Wahlbarometer recht exakt
das konkrete Abstimmungsverhalten voraussagen. Können sie ihre
Kritik ganz kurz zusammenfassen?
Prof.
Saxer: Gerne. Wir haben eine grosse Studie gemacht. Und zwar mit
2 Gruppen. Die eine Gruppe haben wir mit dem Wahlbarometer, also mit
ihrem eigenen voraussichtlichen Wahlverhalten konfrontiert, die
andere nicht. Dann haben wir beide Gruppen abstimmen lassen. Und
siehe da, die Gruppe, die das Wahlbarometer gekannt hat, war viel
näher an den Voraussagen wie die andere Gruppe. Voraussagen
beeinflussen also das Wahlverhalten.
Ich:
Ihre Forderung war dann, Wahlbarometer auf die Liste der von der UNO
als undemokratisch geltenden Methoden zu setzen.
Prof.
Saxer: Es wird höchste Zeit, aber leider immer noch ignoriert,
obwohl wir das Phänomen von der Beeinflussung durch Medien natürlich
schon lange kennen. Man muss in der Presse über einen Präsidenten
nur sagen: Er wird immer unbeliebter. Natürlich wird er dann
unbeliebter. Alles schön abgedeckt durch Umfragen und Studien, die
dann den Anschein von Wissenschaftlichkeit und Objektivität
vermitteln. Dazu kommt, dass die meisten zitierten Umfragen reine
Lügen sind.
Ich:
Nun haben sie gleichsam als Illustration für ein ähnliches
menschliches Verhalten in die Ökonomie beschrieben und die Theorie
abgeleitet: Schätzungen sind unökonomisch!
Prof.
Saxer: Ein Beispiel das wir alle kennen: Das Schätzen
von Arbeitszeiten bei Projektarbeiten. Ich behaupte nun folgendes,
durch Schätzungen wird die Arbeitszeit immer negativ beeinflusst.
Sieht man, dass eine Schätzung zuviel Zeit vorsieht, dann zögert
man die Arbeit hinaus, wenn die Zeit knapp wird, kommt man in Stress
und arbeitet schlechter. Schätzungen sind unökonomisch für den
Gesamtoutput. Schätzungen beeinflussen das menschliche Verhalten
ähnlich wie die Wahlbarometer: Der Mensch möchte die Voraussagen
nicht enttäuschen.
Ich:
Die Schlussfrage: Wieso sind dann Schätzungen so wichtig für das
Projektmanagement?
Prof.
Saxer: Es zeigt, dass das
ökonomische Verhalten, das unserer Wirtschaft zugrunde liegen soll,
reine Ideologie ist.
Schreibbüro Toni Saller: b-schreiben.ch, Ethnologe, Schreibarbeiter, Ideenbüro und frühpensionierter Informatiker, bschreiben@gmail.com, bschreiben.wordpress.com
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